Prof. Dr. Jetta Frost (Vizepräsidentin für Transfer, akademische Karrierewege und Chancengerechtigkeit der Universität Hamburg)
Irene Jecker (Leiterin der Abteilung Personal Universität Hamburg)
Welche Wirkungen hat eine Personalstrukturreform?
- R3-Stellen (etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler) als Karrierephase in der Wissenschaft nicht ohne weiteres abbildbar im (klassischen) Stellenplan
- Lecturer-/Research-Stellen: Abgrenzung zu Stellen der wissenschaftlichen Mitarbeitenden über Grad der Selbstständigkeit
- keine negativen Effekte auf Berufungen feststellbar
- fachbezogene Evaluationskriterien
- Dauerstellen folgen dem Bedarf der Fakultäten; Professuren verfügen über weniger Stellen und dadurch insgesamt Annäherung an ein Department-Modell
- fachspezifische Unterschiede in der Neigung zum Stellenwechsel
Was sind zentrale Erkenntnisse?
- Modellwechsel nicht ausschließlich top-down durch das Präsidium, sondern auch durch Impulse aus den Fakultäten ("Pull-Effekt")
- partizipativer Prozess wichtig, um Dekanate, Professorenschaft, Verwaltung und Personalverantwortliche frühzeitig einzubinden
- Governance-Instrumente: Einrichtung einer strategischen Stabsstelle zur Koordination und Schnittstellenarbeit oder Aufbau eines 360°-Projektteams (bestehend aus Fakultäten, Nachwuchswissenschaft, Hochschulleitung, Personalrat)
- Reformen nicht als Sparmaßnahmen nutzen oder framen
- keine starren Vorgaben wie beispielsweise Quoten
- Berücksichtigung fachspezifischer Unterschiede
- ausreichend Zeit für Abstimmung und Umsetzung einplanen
- Entwicklung gemeinsamer Leitlinien wie Code of Conduct "Gute Arbeit in der Wissenschaft"
- Erfordernis zur Anpassung der Landeshochschulgesetze
- Notwendigkeit zur detaillierten Anpassung von Stellenbeschreibungen
Was sind Umsetzungshürden?
- Komplexes Tarifrecht (Einstufung, Befristung, Entfristung)
- Unklarheit bei der Eingruppierung von Stellen mit Schwerpunkten in der Lehre (zum Beispiel bezüglich TV-L E15)
- Unterschiedliche Akzeptanz des neuen Modells innerhalb der Fakultäten
- Skepsis der Verwaltung gegenüber E14/15-Dauerstellen (insbesondere im Bereich Forschung und Lehre)
- schwierige Übersetzung von Strukturänderungen bei vorhandenen Personalkapazitäten (insbesondere in der Entwicklungsphase)
- Herausforderung bei der Umsetzung der neuen Karrieremodell-Stellen bei parallelem Stellenbestand (im wissenschaftlichen Mittelbau)
Wer sind Verbündete bei der Umsetzung?
- Fakultäten und Dekanate als zentrale Akteure
- Exzellenz-Cluster als Treiber der Entwicklung
Prof. Dr. Jutta Günther (Rektorin der Universität Bremen)
Dr. Cathleen Grimsen (Referatsleiterin Hochschulentwicklung und Kapazitätsplanung an Universität Bremen)
Ziele der Personalstrukturreform?
- Professionalisierung von Personalstrukturkonzepten
- Dauerhafte Stellen jenseits der Professur ermöglichen
- Bessere Planbarkeit von Lehre, Forschung und Kapazitäten
- Reform auch als Reaktion auf äußere Zwänge (etwa finanzielle Rahmenbedingungen, Weiterentwicklung des Fächerspektrums, veränderte hochschulische Aufgaben)
- Leitmotiv an der Universität Bremen: Evolution statt Revolution
- Kernbotschaft: wissenschaftliche Arbeit und Daueraufgaben in Lehre und Forschung langfristig planbar organisieren
Was waren die Erkenntnisse aus dem Reformprozess?
- Reformen sind Lernprozesse ("learning by doing")
- Beraten ist sinnvoller, als Vorgaben zu machen
- Frühzeitige Einbindung der Fachbereiche wichtig
- Klare Ordnungen, Leitfäden und Muster helfen
- Kriterien müssen alltagstauglich sein ("Was brauche ich am Tag X?")
- Interessierte Multiplikatorinnen und Multiplikatoren gezielt ansprechen und einsetzen
- Zielvereinbarungen nur sinnvoll, wenn sie überprüfbar sind
- Kernbotschaft: Reformen funktionieren nur, wenn Fachbereiche mit klaren Kriterien, Begleitung und Zeit zum Lernen befähigt werden
Welche Wirkungen hat die Reform?
- Entlastung der Professuren
- Klärung von Rollen (zum Beispiel Lecturer, Researcher)
- Mehr Transparenz in Auswahlverfahren und Karrierewegen
- Mehr Abstimmung erforderlich und mehr Komplexität beobachtbar
- Größere Gestaltungsverantwortung bei den Dekaninnen und Dekanen
- Kernbotschaft: Die Reform schafft mehr Klarheit und Professionalität, macht aber auch Zielkonflikte und Steuerungsfragen sichtbar.
Was sind die Umsetzungshürden?
- Akzeptanz der Autonomie- und Ressourcenaspekte
- Heterogenität zwischen Fachbereichen
- Unklare Abgrenzung von Rollen
- Umgang mit unbefristeten Stellen bei Wegfall von Aufgaben
- Kapazitätslogiken beispielsweise in der Lehre schwer veränderbar
- Gefahr von übergeordnetem Steuerungsverlust bei Dezentralisierung
- Reform kostet Zeit und Energie
- Kernbotschaft: Die größte Herausforderung ist die Ausgestaltung unbefristeter Stellen bei veränderten Aufgaben und begrenzten Steuerungsmöglichkeiten
Was sind Erfolgsfaktoren?
- reformbereite Personalverwaltung, Fachreferate, Dekanate und Fachbereiche als Verbündete
- klare Leitfäden, transparente Verfahren
- kollaborative Umsetzung und Zeit als Erfolgsfaktoren
- Kernbotschaft: Reformen gelingen dort, wo Verantwortung vor Ort übernommen wird – unterstützt durch Personalverwaltung
Dr. Sabine Helling-Moegen (Geschäftsführerin der Helmholtz-Gemeinschaft)
Problemdiagnose
- zunehmend internationales Recruiting in der Wissenschaft herausfordernd für eine überwiegend deutschsprachige Verwaltung
- Schwierigkeit in bestimmten Segmenten, wie etwa im IT-Bereich, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen
Ziele
- Standortbestimmung der Organisation und Wahrnehmung eigener Stärken sind wichtig, um authentische Leitlinien für die Personalrekrutierung zu entwickeln
- Diskussion zu einem gemeinsamen Führungsleitbild ist essenziell
Voraussetzungen
- Unterstützung einer angepassten Rekrutierungsstrategie durch die Leitung von Hochschulen/Forschungseinrichtungen notwendig und gemeinsames Bekenntnis der gesamten Organisation zur beschlossenen Rekrutierungsstrategie
- systematische Zusammenarbeit von Personalabteilungen und der Kommunikationsabteilungen/Öffentlichkeitsarbeit der Organisationen essenziell, um eine abgestimmte Rekrutierungsstrategie auch kommunikativ gut vermitteln zu können
Instrumente der Fachkräftegewinnung
- finanzielle Impulse von außen durch Förderprogramme
- Notwendigkeit systematischer und das gesamte Stellenbesetzungsverfahren abbildender Prozesse für die Fachkräftegewinnung
- Möglichkeit für Postdocs für eigene Projektgruppen mit Tenure-Option
Prof. Dr. Hans-Joachim Hof (Vizepräsident Lehre und Studierende der Technischen Hochschule Ingolstadt)
Was sind die zentralen Ziele des Professional Tenure Track Programm der TH Ingolstadt?
- Unterstützung der Tenure-Professur bei der Bearbeitung moderner Themen
- Qualifizierungsbaustein für eigenes und externes Personal ("regionaler Solidargedanke")
- Aufwertung und Gleichstellung der Tenure-Professur mit hausinterner Professur
- Persönlicher Entwicklungsplan für Teilnehmende
Was sind zentrale Erkenntnisse?
- Zielvereinbarungen für alle Nachwuchsprofessorinnen und -professoren mit Mentorinnen und Mentoren aus der Industrie, welche praxisnahe Kenntnisse mitbringen, werden seitens der TH Ingolstadt als sehr wichtig erachtet
- strukturierte Evaluation unter Beteiligung unter anderem der Hochschulleitung sowie des Dekanats, aber geringe Erfahrung der Professorenschaft mit Zielvereinbarungen und Evaluationen
- Vorteil der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bei der Expertise hinsichtlich der Auswahlverfahren aus der Wirtschaft (zum Beispiel Assessment Center)
- Umsetzung des Programms nur auf landesgesetzlichen Grundlagen möglich
- erste Kooperationen schwierig, aber basierend darauf Standardisierung und Übertragung auf weitere Kooperationen
Was sind Erfolgsfaktoren?
- Einbindung alle relevanter Akteurinnen und Akteure
- klare Unterstützung durch Hochschulleitung
- Vernetzung mit Hochschuldachverbänden und mit politischen Akteurinnen und Akteuren
- Initiierung des Programms über Förderprogramme zum Beispiel des Bundes, Verstetigung durch Eigenmittel
- Kooperation mit der Industrie: Aufbau regionaler Netzwerke, Gewinnung von „First Movers“ als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren
Was sind Herausforderungen?
- unklar, welcher Track zu einer Professur führt
- Auswahlprozess: Prüfungsausschüsse mit teils eigenen Handlungsdynamiken
- Hemmende rechtliche Rahmenbedingungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft (Arbeitnehmerüberlassung, Wissenschaftszeitvertragsgesetz)
- Inkompatible Bewertungskriterien der Professur (bei weiterhin starker Orientierung von Veröffentlichungen und Drittmitteln)
Dr. Tina Klug (Kanzlerin der Hochschule RheinMain)
Ausgangslage
- unklare Definition moderner Stellenprofile an Hochschulen
- niedriger Anteil entfristeter Stellen im Mittelbau
- Diskussion über den Vorteil von klarer Trennung von Stellen für Forschung und Lehre
- Konfliktpotenzial zwischen Level/Anzahl der Professuren und realen Mittelkürzungen
Fragen der Hochschulentwicklung
- strategische Nachfolgeplanung als Instrument der Personalstrukturentwicklung
- Bereitschaft von Fachbereichen/Fakultäten, Professuren (und weitere Stellen) zugunsten neuer Strukturen umzuwidmen
- Potenzial der Pensionierungen als mögliches „Zeitfenster“ für Strukturentwicklung
- Notwendigkeit, alle Führungsebenen und Organisationseinheiten einzubeziehen
- Verantwortung der Hochschulleitung: Organisationsentwicklung aus der Leitungsebene in die Fachbereiche hineintragen
- Zielzahlen der Promovierenden als Steuerungsgröße
- Ressourcenfrage: Was benötigen Hochschulen zusätzlich? Worauf können sie ggf. verzichten
- Modernisierung von Prozessen als Voraussetzung für neue Personalstrukturen
Forderungen für wissenschaftliche Karrierewege
- Notwendigkeit der Durchlässigkeit zwischen wissenschaftlichem und nicht-wissenschaftlichem Personal → alternative Karriereoptionen für Personen mit nicht-linearen Forschungsbiografien
- institutionsübergreifende Karriere- und Entwicklungsperspektiven → insbesondere zwischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen
- Kombiverträge für wissenschaftliches/wissenschaftsnahes Personal → hochschulübergreifend definieren zur bundesweiten Vergleichbarkeit
- Entwicklungsperspektiven für das Wissenschaftssystem insgesamt, nicht nur für einzelne Hochschulen
- Option zum Ausbau der Tandem-Professuren prüfen
Finanzierungsfragen
- zusätzliche Mittel trotz Kürzungen? Müssen bestehende Mittel umgeschichtet werden? Wie kann das Budget für den Mittelbau gesichert werden?
- Wie ist bei den Unterschieden in den Bundesländern (zum Beispiel Personalstellenplan vs. Globalhaushalt) zu berücksichtigen?
- Lassen sich Hochschulstrukturpläne als Entwicklungsinstrument nutzen?
- Können dauerhafte Drittmittelprojekte für Finanzierung entfristeter Beschäftigung genutzt werden?
Tarif- und Rechtsrahmen
- Tarifsystem erlaubt keine Höhergruppierung bei gleichbleibenden Aufgaben → Anpassung hinsichtlich der Stellenbeschreibungen infolge eines umfassenderen Erfahrungs- und Kompetenzaufbaus daher notwendig
- Möglichkeit einer Standardisierung von Entgeltgruppen entlang des Personalstrukturmodells des Wissenschaftsrats mit klar definierten Kriterien
- Eingruppierung im TV-L als Aufgabe der Tarifpartner
Forderungen an die Politik
- Anpassung gesetzlicher Rahmenbedingungen
- Bereitstellung zusätzlicher Mittel
- Unterstützung durch den Bund bei der Prozessmodernisierung
Die Dokumentation der Gute-Praxis-Workshop-Ergebnisse variiert in Umfang und Tiefe, da jede Untergruppe eigene Schwerpunkte setzte. Dies spiegelt die Vielfalt der Arbeitsprozesse und Schwerpunkte wider, die während des gesamten zweitägigen Workshops entstanden.